Marvin Byrasch – Sinn der Zeit

In der heutigen Gesellschaft, geprägt von durchgeplanten Tagesabläufen, beginnend mit dem Schellen des Radioweckers am frühen Morgen, fängt die Zeit an zu rennen.

Das Streben nach Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit, Bereitschaft und Aufmerksamkeit wird uns tagtäglich abverlangt. Die Zeit für sich selbst am Tage ist bestenfalls auf eine 30-minutige Mittagspause beschränkt. Diese halbe Stunde ist gefüllt mit tratsch-ähnlichen Gesprächen unter Arbeitskollegen, bei einem immer gleich schmeckenden Kaffee, aus einer herkömmlichen Knopfdruckmaschine. Der Geschmack des eigentlichen Genussmittels ist in diesem Moment gleichgültig.

Flucht aus dem Alltag

Ich denke an die Zeit nach der Zeit. Die Zeit, in der ich mein eigener Herr bin. Diese, wenn ich mich ins Auto setze und mit einem Plan im Kopf  zum Wasser fahre. In diesem Moment denke ich an das Ziel vor Augen. Am Wasser will ich die wenige Zeit nutzen und nichts dem Zufall überlassen. Nach dem Motto „Klotzen, nicht kleckern!“ füttere ich. Das Geräusch des Streuens und des Abpralls auf der Wasseroberfläche meiner nicht all zu geringen Futtermenge ist wie Musik in meinen Ohren. In der Dunkelheit stehe ich nun mitten auf dem Wasser. In der Ferne spiegelt sich nur noch der Schatten der dichten Uferböschung. Ich lasse meine Gedanken schweifen… war es vielleicht zu viel des Guten oder hätte ich noch mehr Futter versenken sollen?! Gedanken, die ich mir eigentlich immer mache. Jedoch lieg ich häufig richtig mit meiner Entscheidung und paddele mit einem guten Gefühl zurück ans Ufer. Durch den Wald trage ich die leeren Eimer zurück ins Auto, falte das Boot zusammen und verabschiede mich für die nächsten Stunden. Auf dem Weg nach Hause denke ich wieder an das Wasser, das mir vor wenigen Minuten zu Füßen lag. Der Zufall soll so gut wie keine Rolle spielen, deshalb nehme ich mir die Zeit für mein Hobby.

Es ist spät geworden und morgen früh zur gewohnten Zeit, um 6:30 Uhr, schellt wieder der Wecker. Ich werde von meinem geliebten Radiosender aus dem Schlaf gerissen – eine reflexartige Bewegung zur Snooze-Taste und ich kann nochmal fünf Minuten schlummern.

Eigentlich ein Tag wie jeder andere auch. Nur ist an diesem Tag etwas anders. Ich wache mit dem Gedanken auf, dass das Auto bereits gepackt ist und ich nach Feierabend direkt zum Wasser fahren werde. Der prasselnde Regen an dem Schlafzimmerfenster sagt mir, dass es richtig war gestern Abend nochmal ans Wasser zu fahren. Habe ich alles eingepackt? Brauche ich noch was? Nach der Arbeit werde ich noch am Supermarkt anhalten und ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Die Stunden auf der Arbeit ziehen sich. Umso mehr freue ich mich, als ich auf der Autobahn in Richtung Wasser fahre. Jetzt muss alles ganz schnell gehen, damit ich das letzte Licht der Dämmerung mitnehmen kann. Die scharfen Haken werden mit ihren Ködern bestückt und raus auf die Plätze gebracht. Die Genauigkeit der Präsentation meiner Fallen ist mindestens genauso wichtig wie die Vorarbeit, wenn ich angeln gehe. Erst wenn alles zu 100% liegt, kann ich meiner Sache sicher sein.

Was die Nacht wohl bringen mag?

Die Nacht bricht ein und ich liege mit einer heißen Tasse Tee unter meinem offenen Schirm. Leise und still höre ich der Natur mit offenen Ohren zu. Das Quaken eines einzeln Frosches unmittelbar neben mir hindert meine müden Augen daran einfach zuzufallen. Ich bleibe gezwungener Maßen noch etwas wach und schaue in die Dunkelheit. Die Nächte sind bereits kühler geworden und ich merke wie sich die Feuchtigkeit der Jahreszeit ausbreitet. Ich verkrieche mich in den Schlafsack, schlafe langsam ein und fange an zu träumen. Am Wasser träume ich meistens sehr viel. Warum das so ist, kann ich nicht beantworten. Stündlich werde ich kurz wach, schaue auf die Ruten, drehe mich um und schlafe weiter. Am frühen Morgen, die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, werde ich durch das Bellen eines Vierbeiners geweckt. Der Kleine hat sich wohl verlaufen, denn sein Herrchen war weit und breit nicht zu sehen. So schnell er jedoch vor meiner Liege stand, genauso schnell hat er auch wieder das Weite gesucht.

Ein Wegweiser!

Ich schaue auf die glatte Oberfläche des Wassers. Der Morgennebel liegt wie ein leichter Schleier über der Landschaft. Im Hintergrund höre ich das Zwitschern einzelner Federviehgruppen. Mein Blick in die Ferne lässt meine Gedanken schweifen. Weit draußen zeigt sich ein Fisch. Wo bleibt ein Zeichen, dass ich wirklich alles richtig gemacht habe? Wurde das Futter angenommen? Ich weiß es nicht und hoffe doch eine klare Antwort darauf zu bekommen. Ich entschließe mich noch mal die Augen zuzumachen.

Kaum habe ich die Augen geschlossen, signalisiert mir die rechte Rute Fischaktivität. Ein einzelner Ton des Microns vermehrt sich langsam, geht aber nicht in einen Dauerton über. Das könnte er sein. Ich steige in den Stiefeln durchs Wasser in Richtung meiner rechten Rute und nehme sie auf. Gemächlich, nicht hektisch und in einem gleichbleibenden Tempo nimmt der Fisch Schnur von der Rolle. Ich merke den Druck, das kräftige Ziehen nach rechts und dann nach links. Ich möchte das, was am anderen Ende  der Schnur hängt, unbedingt haben. Es scheint, dass ich alles unter Kontrolle habe. Die Ruhe in den Bewegungen des Fisches springt auf mich über. Gelassen stehe ich knietief im Wasser, um mich herum wabert der Nebel. Mein Puls steigt langsam, denn ich merke, dass es der Eine unter den vielen anderen sein könnte. Allein der Gedanke daran, dass es dieser Eine sein könnte, lässt mich dann doch nervös werden. Der Fisch verhält sich cool, vielleicht in dem Moment cooler als ich es bin. Jedoch fühlt sich alles sehr sicher an. Ich bekomme nach und nach immer mehr Schnur auf die Rolle. Der Schlagschnurknoten gleitet durch die Ringe und ich lege den Kescher vor mir ins Wasser. Wird er versuchen nochmal die letzten Reserven zu sammeln? Ich bin gefasst und werde keine Fehler machen. Ich führe den Kescher tief unter dem Fisch nach oben und habe ihn. Er ist im Netz und hat keine Möglichkeit mehr mir zu entkommen. Ein lauter Schrei der Freude, der Ausdruck eines Gefühls, das in diesem Moment in mir ausgelöst wird. Nun stehe ich da im Wasser mit der Rute in der Hand und dem Fisch im Kescher. Lange habe ich darauf hingearbeitet und gehofft, dass dieser Zeitpunkt eintreffen wird.

Was wohl gefressen worden ist?

Die Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Die vielen kräftigen Farben, das Rascheln der fallenden Blätter, die aufkommende Stille, der dichte Nebel, der sich über die Wasserdecke schiebt. Ich liebe den Herbst.

Während ich mir Gedanken um meine Wortwahl mache, bin ich schon wieder eine Zeit weiter. In der Zeit, die ich zum Angeln nutze. Gedanken begleitend von einem sehr passenden Zitat des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“

Marvin Byrasch

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